• Interview mit Lingvano (SIA-Finalist 2018)

    Laut Google zählen zu den exotischen Sprachen Azeri, Bambara, Dari, Esan, Fante, Kabardinisch, Tigrinya und Zaza. Uns fällt noch eine ein – die österreichische Gebärdensprache! Weitaus bekannter als die zuvor genannten Beispiele beherrscht sie aber trotzdem nur ein Bruchteil der Bevölkerung, was ein Problem für viele gehörlose Menschen darstellt und zu ihrer gesellschaftlichen Isolation führt. Durch Lingvano wird das kostengünstige und flexible Erlernen der Gebärdensprache für alle möglich, was das Leben der Gehörlosen verbessern und vereinfachen soll.

    Wir haben mit Nicolas Molcik, Mitgründer von Lingvano, über sein Startup, die faszinierende Welt der Gebärden und Situationen gesprochen, mit denen viele gehörlose Menschen und ihre Angehörigen konfrontiert werden.

     

    SIA: Was war eure Motivation? Warum habt ihr euer Projekt ins Leben gerufen?

    Lingvano: Wir drei von Lingvano haben individuelle Erfahrungen mit Kommunikationsbarrieren zwischen Gehörlosen und Hörenden gemacht: Atilla, als von Geburt an Gehörloser, beinahe täglich. Matthias und ich insbesondere in unserer Zeit als Zivildiener. Mit unserem Social Business Lingvano haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Welt der Hörenden und Gehörlosen besser zu verbinden und Barrieren abzubauen. Dafür ist es notwendig, allen Interessierten eine einfache Möglichkeit zu bieten, die österreichische Gebärdensprache zu lernen. Dies ermöglichen wir mit einer spannenden und kostengünstigen Gebärdensprach E-Learning-Plattform.

    SIA: Warum hattet ihr das Gefühl das Projekt jetzt umsetzen zu müssen und für wen setzt ihr es um?

    Lingvano: Im Zuge vieler Gespräche mit Gebärdensprachlehrern und an der Gebärdensprache Interessierten hat sich die Nachfrage an einer E-Learning-Plattform überwältigend bestätigt. Wir haben von den verschiedensten Geschichten gehört, weswegen Menschen die Gebärdensprache erlernen wollen.

    Naheliegend ist, dass insbesondere Personen mit gehörlosen oder schwer gehörbeeinträchtigten Familienmitgliedern am Erlernen der Gebärdensprache interessiert sind. Leider ist es aber so, dass oftmals selbst engste Familienmitglieder die Gebärdensprache nicht sprechen bzw. lernen. Die häufigsten Gründe hierfür stellen fehlendes Geld oder zeitliche Inflexibilität dar. Die Auswirkungen für das gehörlose Familienmitglied sind Kommunikationsbarrieren in der eigenen Familie und soziale Ausgrenzung.

    Ebenso haben wir von Menschen gehört, die in ihrer Jugend sukzessive an Hörvermögen verloren haben und somit in kurzer Zeit die Gebärdensprache lernen mussten. Der früher große Freundeskreis wurde durch die Kommunikationsbarrieren auf nur jene wenige Freunde reduziert, welche ebenso die Gebärdensprache erlernten. Das Interesse die österreichische Gebärdensprache zu lernen war zwar bei allen Freunden vorhanden, aber die zwei größten Barrieren, Zeit und Geld, stellten auch für sie Hürden da.

    Diese zwei kurzen Beispiele sind selbstverständlich nur ein Bruchteil der Gründe, weswegen Menschen die Gebärdensprache lernen wollen. Oftmals ist das Interesse auch gar nicht mit einem Schicksal oder Ähnlichem verbunden, sondern einfach die Faszination an dieser einzigartigen Sprache selbst. Und jeder einzelne dieser vielen verschiedenen Gründe motiviert uns umso mehr, das Projekt Lingvano voranzutreiben und es hörenden Menschen so einfach wie möglich zu machen, in die spannende Welt der Gebärden einzutauchen.

    Genauso soll Lingvano aber auch die gehörlosen Menschen unterstützen, denn es soll ihnen ermöglichen, mit anderen einfacher in Kontakt treten und auch kommunizieren zu können. Es soll sie mehr in die Gesellschaft einbinden.

    SIA: Als Beispiel nennst du ja auch, dass es nicht selten ist, dass Menschen im Laufe ihres Lebens ihr Gehör verlieren und aus diesem Grund die Gebärdensprache erlernen müssen. Bietet den Betroffenen der Arzt an, die Sprache zu erlernen oder an wen wenden sie sich in diesem Fall? Wie sieht es mit den Angehörigen und Freunden aus?

    Lingvano: Es gibt diverse Schulen und Einrichtungen, die die Gebärdensprache unterrichten oder auch Lehrer ausbilden (zum Beispiel Equalizent). Es gibt Vereine und die Volkshochschule, die Kurse anbieten. Angehörige und Freunde haben oft weniger Zeit und Motivation, die Sprache zu erlernen. In diesem Fall ist ein Onlinekurs als Ergänzung oder als Einstieg eine gute Möglichkeit, um zumindest einfache Unterhaltungen führen zu können. Auf unserer Plattform lernt man nicht nur die Gebärdensprache, sondern auch den Umgang mit gehörlosen Menschen und erfährt, welche Fragen Hörende an die Gehörlosenwelt haben. Beispiele sind etwa: „Wie träumen Gehörlose? Haben sie eine innere Stimme oder ist es eine Person in der dritten Person die gebärdet?“ „Dürfen Gehörlose Auto fahren?“ „Wie funktioniert die Klingel der Gehörlosen?“ etc.

    SIA: Spannende Fragen! Das heißt, wenn ich einen Kurs bei euch mache, kann ich mich mit einer gehörlosen Person auf der Straße unterhalten?

    Lingvano: Ja, also die Alltagsgebärden lernt man definitiv. Angeregte Diskussionen kann man dann natürlich noch nicht führen. Wir bauen unser Angebot aber weiter aus, die Grundkommunikation kann man derzeit schon erlernen.

    SIA: Wie habt ihr die Idee für euer Projekt bekommen? Was habt ihr in dem Moment gemacht als euch die Idee eingefallen ist? Wo wart ihr? Wie hat sich euer Team zusammengefunden?

    Lingvano: Die Idee selbst ist an zwei voneinander unabhängigen Orten entstanden. Matthias und ich haben uns nebenberuflich im Studium kennengelernt und das gemeinsame Interesse an der österreichischen Gebärdensprache entdeckt. Nach vergeblicher Suche hinsichtlich ausführlicher Online-Lernmöglichkeiten haben wir uns dazu entschlossen, unsere Fähigkeiten und Ressourcen zu bündeln und eine Gebärdensprach E-Learning-Plattform ins Leben zu rufen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens fehlte allerdings noch ein letztes Puzzleteil: Atilla. Er unterrichtet seit langem die österreichische Gebärdensprache. Viele Male haben seine Schüler das Interesse geäußert, auch jenseits des Unterrichts Gebärden lernen und festigen zu können. Herkömmliche Lehrbücher sowie uneinheitliche Online-Lernmaterialien waren dafür nicht ausreichend. Deshalb hat Atilla begonnen, an der Idee einer E-Learning-Plattform zu arbeiten. Per Social Media suchte er dafür nach Interessierten und hat damit ebenso die Aufmerksamkeit von Matthias und mir auf sich gezogen. Nach einem kurzen Schriftverkehr fand schließlich das erste gemeinsame Meeting statt und die zwei kleinen, voneinander unabhängigen Wege verschmolzen zu einem Großen. Die für unser gemeinsames Vorhaben notwendigen Fähigkeiten waren somit gebündelt und das Puzzle komplett.

    SIA: Du sagst, dass du zur Zeit deines Zivildienstes erstmals mit gehörlosen Menschen in Kontakt gekommen bist. Woran könnte es liegen, dass die Gebärdensprache in den meisten Schulen nicht einmal als unverbindliche Übung (so wie andere Sprachen) angeboten wird und dementsprechend wenige Menschen auf den Nutzen der Sprache aufmerksam werden?

    Lingvano: Ich denke, dass es einfach daran liegt, dass die Gebärdensprache noch nicht so etabliert ist. Oft wird es nicht als Alternative gesehen, da es umfassende Lernangebote für die Gebärdensprache erst seit Kurzem gibt. Die österreichische Gebärdensprache ist beispielsweise erst 2005 im Bundesverfassungsgesetz anerkannt worden.

    SIA: Es gibt weltweit unterschiedliche Gebärdensprachen. Unterscheiden sich diese stark? Wenn ich die österreichische Gebärdensprache kann, kann ich mich mit Menschen unterhalten, die die deutsche oder die japanische Gebärdensprache beherrschen?

    Lingvano: Das ist eine schwierige Frage, weil ich in diesem Bereich selbst noch nicht den hundertprozentigen Durchblick habe. Es ist schon so, dass es selbstständige Sprachen sind. Da etliche Aspekte oftmals sehr ähnlich sind (z.B. Mundbild, elementare Gebärden, etc.) können sich Deutsche und Österreicher bis zu einem gewissen Grad verstehen. Ob es beispielsweise mit der japanischen und österreichischen Gebärdensprache ähnlich ist, weiß ich nicht. Lustigerweise gibt es aber auch in der österreichischen Gebärdensprache unterschiedliche Dialekte. Im Endeffekt ist es eine ganz normale Sprachentwicklung, wobei viele irrtümlicherweise denken, dass es nur eine internationale Gebärdensprache gibt.

    SIA: Was ist eure größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eures Projektes? Welche persönlichen Eigenschaften helfen euch dabei?

    Lingvano: Wie es nun mal so ist, sind bis zur Umsetzung einer Unternehmung kleine, manchmal auch größere Steine aus dem Weg zu räumen. Lingvano ist hierbei keine Ausnahme. Dank unserer Zielstrebigkeit und gutem Teamwork konnten wir allerdings gemeinsam den Weg räumen und unser Projekt realisieren. Eine kleine sowie spannende Herausforderung stellt die Kommunikation selbst dar. Matthias und ich können nur einfache Gebärden. Auch wenn der Wortschatz bei jedem Meeting wächst, verwenden wir oftmals unsere Smartphones oder Laptops um kurze Texte untereinander zu schreiben. Dieser Mix aus ein paar Gebärden und kurzen Textnachrichten funktioniert erstaunlicher Weise ziemlich gut. Die Praxis zeigt uns somit, dass entgegen vieler Meinungen die Zusammenarbeit zwischen Gehörlosen und Hörenden sehr wohl funktionieren kann! Man muss nur etwas kreativ sein und einen für sich passenden Weg finden.

    SIA: Erzählt uns eine lustige Anekdote aus eurem Projektleben.

    Lingvano: Da Matthias und ich noch Anfänger im Sprechen der österreichischen Gebärdensprache sind, ergeben sich hin und wieder kleine „Versprecher. Dadurch ergibt manches keinen Sinn oder kann sogar etwas ganz anderes bedeuten. Lustige Situationen sind da natürlich vorprogrammiert Ein kleines und recht aktuelles Beispiel wäre in etwa: „Ich fahre mit der U-Bahn“ wurde zu „Ich bin auf der Flucht“.

    SIA: Gab es auch schon eine peinliche Situation oder einen besonders tollen Moment (abgesehen von dem SIA Finalist Announcement ) von dem ihr uns berichten möchtet?

    Lingvano: Einen peinlichen Moment gab es eigentlich noch nicht. Tolle Momente hatten wir allerdings schon zahlreiche – zum Glück! Einer dieser vielen tollen Momente war jener, an dem wir drei unser erstes gemeinsames Meeting hatten und realisierten, dass wir endlich alle notwendigen Puzzlestücke für Lingvano gefunden haben. Dies war nach einigen Rückschlägen im Projekt ein besonders tolles Gefühl und hat uns Dreien bestätigt, dass Aufgeben nie eine Option ist.

     

    Mehr Informationen rund um Lingvano findet ihr auf ihrer Homepage, sowie auf ihrer Facebookseite.

     

    Die Interviews mit allen 10 Finalisten werden auf der Website des Social Impact Awards, der Facebookseite des Social Impact Awards, sowie auf dem Blog “This Sustainable Life” von Elisa Gramlich veröffentlicht. Die Interviews dienen dem Community-Voting, für welches man auf der Website des Social Impact Awards bis 25. September 2018 abstimmen kann.

  • Interview mit RefugEYEs (SIA-Finalist 2018)

    Für Elvan und Dilay von RefugEYEs scheint es keine Kunst zu sein, andere Menschen glücklich zu machen. Schließlich geben sie geflüchteten Kindern und Jugendlichen durch kreative Projekte die Möglichkeit aus dem tristen Leben des Flüchtlingsheims herauszukommen und ermutigen, dass sie etwas selbst im Leben erreichen können.

    Wir sprachen mit Elvan Görgülü, einer der beiden Gründerinnen von RefugEYEs, über ihr Projekt, die Kraft der Kreativität und wie sie als Vorbild für andere dienen möchten.

     

    SIA: Was war eure Motivation? Warum habt ihr euer Projekt ins Leben gerufen?

    RefugEYEs: Unsere Motivation war der Glaube an uns selbst als auch daran endlich glückliche Gesichter zu sehen. Es gab ein Problem, dass gelöst werden musste und zwar Menschen die sich danach sehnten wieder geschätzt zu werden um an der Gesellschaft teilzuhaben. Wir wollten diejenigen sein die das bewirken, da sich auch sonst bis jetzt fast niemand Gedanken darüber gemacht hat. Wir haben unser Projekt ins Leben gerufen, weil wir den Alltag vieler Menschen verändern und ihnen zeigen möchten, dass es auch andere Wege gibt, wenn man entschlossen ist.

    SIA: Wie habt ihr die Idee für euer Projekt bekommen? Was habt ihr in dem Moment gemacht als euch die Idee eingefallen ist? Wo wart ihr?

    RefugEYEs: Wir waren gegen Semesterende im Juni (2016) beide auf der Universität im EDV-Raum und haben am Computer für unsere Projekte gezeichnet, weil wir unsere Endabgaben hatten und waren etwas gestresst. Nebenbei haben wir miteinander geplaudert, was wir so im Sommer vorhaben und kamen dann auch auf das Thema Flüchtlinge. Ich hatte mich in diesem Semester intensiv mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt (Entwerfen & Seminararbeit) und war auch im Herbst am Bahnhof aktiv bei „TrainOfHope“. Dilay erzählte, dass sie gerne im Sommer Kinder in den Notquartieren besuchen und ihnen auch etwas vorbeibringen würde. Ich erwähnte dann, dass ich schon ein Notquartier besucht hatte, daher auch schon Kontakte bei Caritas hätte und dass es sinnvoller für die Kinder wäre, wenn wir etwas mit ihnen unternehmen würden und dass wir uns da etwas einfallen lassen sollten und das gemeinsam durchführen könnten, da die Kinder ziemlich eingeschränkt sind und einen langweiligen Alltag haben. Wir machten aus, dass wir uns nach den Abgaben dann absprechen. Ein paar Tage darauf hat mich Dilay angerufen und erzählte mir von ihrer Idee mit den Analogkameras von „Lomography“. Die Idee war, mit den Kindern Foto-Ausflüge zu machen und später die Bilder auszustellen. So konnten die Kinder einen tollen Tag erleben und gleichzeitig ihre Eindrücke kunstvoll mit den Analogkameras festhalten. Letztendlich sollten die Bilder ausgestellt und interessierten Besuchern präsentiert werden. Somit entwickelte sich das Ganze von Tag zu Tag, bis wir angefangen haben uns Namen zu überlegen, das Logo gemeinsam entworfen haben, Sponsoren/Partner aufgesucht haben etc.

    SIA: Warum hattet ihr das Gefühl das Projekt jetzt umsetzen zu müssen und für wen setzt ihr es um?

    RefugEYEs: Im Sommer 2016 ging es mit der Flüchtlingswelle weiter. Zwar waren die ganzen Menschen schon in Unterkünften untergebracht, aber die Lebensumstände waren sehr schwer. Ich habe meine Seminararbeit über Wohnsituationen von Flüchtlingen geschrieben und habe selbst auch ein Interview geführt, als auch mit anderen Interviews von KollegInnen gearbeitet und habe dadurch einen Überblick über die Lage bekommen und an was es den Menschen fehlt. Vor Ort in den Notquartieren war es auch ersichtlich, dass die Bewohner sehr wenig Privatsphäre haben, Schwierigkeiten mit der Sprache als auch keine Beschäftigung. Sie dürfen weder arbeiten noch besitzen sie ein Hobby, egal ob Groß oder Klein. Viele junge Männer verbringen ihren ganzen Tag damit zu schlafen oder sitzen nutzlos da. Manche Frauen und Kinder ziehen sich einfach zurück und wollen an nichts teilnehmen oder auch kein Kontakt aufnehmen, da sie entweder schüchtern sind oder noch einiges von der Flucht verarbeiten müssen. Daher wollten wir das verändern und ihnen ermöglichen etwas Neues zu lernen und umzusetzen und dabei Spaß zu haben. Zusätzlich werden dadurch auch Sprachbarrieren überbrückt und neue Freundschaften geschlossen um ein Teil der Gesellschaft zu werden.

    SIA: Das hört sich toll an! Warum denkt ihr, dass besonders die Förderung der Kreativität ein gutes Instrument zur Umsetzung eurer Vorhaben ist?

    RefugEYEs: Wir haben bewusst Kunst und Kreativität ausgewählt, weil diese Themen in einigen Ländern aus welchen die geflüchteten Menschen kommen, mehr in den Hintergrund geschoben als auch verdrängt werden. Speziell Mädchen und Frauen haben kaum Zugang zu solchen Aktivitäten. Kunst und Kreativität sind Themen die sehr umfangreich sind und dennoch nur positiv auf den Menschen wirken. Man kann nichts falsch machen und braucht keine spezielle Anleitung wie bei anderen Aktivitäten. Das Wichtigste ist, man lernt etwas Neues, aber ist dennoch frei dabei zu entscheiden was am Ende rauskommt. Durch Kunst und Kreativität kann man sehr gut Emotionen ausdrücken, sich sowohl sehr gut entspannen als auch austoben. Es ist unserer Meinung nach das beste Instrument um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und aus sich rauszukommen. Zusätzlich helfen die Ausstellungen der Kunstwerke, die verlorene Wertschätzung und das Selbstwertgefühl der Kinder und der Jugendlichen wiederherzustellen, vor allem wenn sie mit eigenen Augen sehen, dass Besucher kommen und ihre Werke bewundern.

    SIA: Ist es euer Ziel mehr Menschen dazu zu bringen, Teil von RefugEYEs zu werden oder wollt ihr zeigen, dass jeder einen Beitrag leisten kann und als Vorbild dienen?

    RefugEYEs: Wir wollen den Menschen zeigen, dass man auch durch kleine Interaktionen etwas zu diesem Thema beitragen kann. Einzig allein ein Besuch bei einer unserer Ausstellungen könnte schon einiges bewirken. Anstatt mit Vorurteilen für Abspaltung in der Gesellschaft zu sorgen, könnte man mehr zusammenhalten. Diese Menschen sind aus Angst geflüchtet und haben eine schlimme Reise hinter sich. Sie hatten auch ein normales Leben bevor sie flüchten mussten und es hätte uns alle betreffen können. Nun sind sie vielen Problemen und Herausforderungen ausgesetzt und es liegt in unserer Hand diese Kinder und Jugendlichen zu fördern, zu unterstützen und zu verhindern, dass sie in ein schlechtes Umfeld geraten. Wir wollen unseren Kontakt vor allem zu den Kindern und Jugendlichen immer aufrechterhalten und sie bei neuen Projekten immer wieder einbeziehen, wenn sie Lust dazu haben.

    SIA: Was war bisher euer Lieblingsprojekt, welches ihr zusammen mit den Kindern umgesetzt habt?

    RefugEYEs: Von einem Lieblingsprojekt kann man zurzeit nicht wirklich sprechen, da wir erst ein Projekt vollständig ausgeführt haben und zwar „refugEYEs kids“ wobei es um Analogfotografie ging. Das war unsere allererste Erfahrung und mithilfe von Familie und Freunden haben wir es ganz gut überwunden und hatten eine tolle erste Ausstellung. Unsere Projekte gehen einem bestimmten Konzept nach und bestehen aus 3 Phasen, nämlich „Develop – Create – Display“. Man könnte sagen, dass jeder Schritt für sich ein kleines Projekt darstellt. Die Entwicklung und Vorstellung der Idee, die Umsetzung und im Anschluss die Ausstellung erfordern alle einzelne Termine und Organisation. Diese müssen Schritt für Schritt einzeln geplant und umgesetzt werden. Das Ganze dauert dann schon ein paar Monate aufgrund fehlender Ressourcen und Unterstützung. Das Aufsuchen von Sponsoren und Partnern ist ein enormer Zeit- und Arbeitsaufwand, was uns daran hindert schneller voranzukommen. Wir arbeiten gerade an unserem zweiten Projekt für Teenager und möchten diese noch professioneller angehen.

    SIA: Erzählt uns eine lustige Anekdote aus eurem Projektleben.

    RefugEYEs: Wir hatten 2016 unsere Ausstellung „refugEYEs kids“ im Kulturzentrum im Amerlinghaus. Da es im Dezember stattgefunden hat gab es draußen wie jedes Jahr einen Punschstand. Wir hatten den Vorteil, dass viele Menschen spontan bei unserer Ausstellung vorbeigeschaut haben, wie auch zufällig Jonas Dinger, Leiter des Social Impact Award Österreich Da kannten wir ihn aber noch gar nicht. Während der Ausstellung haben wir mit den Kindern und den Besuchern ein Gruppenfoto gemacht. Erst beim Finalists Announcement 2017 im Vorjahr wo wir es leider nicht weiter geschafft haben kamen wir mit Jonas ins Gespräch und er erzählte uns, dass er unsere Ausstellung besucht hatte und wir waren etwas verwirrt, da wir es überhaupt nicht mitbekommen hatten, bis wir ihn auf unserem Foto entdeckten

    SIA: Gab es auch schon eine peinliche Situation oder einen besonders tollen Moment (abgesehen von dem SIA Finalist Announcement ) von dem ihr uns berichten möchtet?

    RefugEYEs: Der tollste Moment war, als wir das Strahlen in den Augen der Kinder gesehen haben, als sie im Prater waren und Riesenspaß hatten, sowohl beim Fotografieren als auch bei den Fahrgeschäften. Eines der Kinder bezeichnete den Tag als den besten ihres ganzen Lebens, das war sehr berührend. Bei der Ausstellung waren auch einige Kinder dabei. Sie haben fleißig mitgeholfen und sogar versucht den Besuchern ihre Fotos vorzustellen und zu verkaufen, das war echt süß

     

    Mehr Informationen rund um RefugEYEs findet ihr auf ihrer Homepage, sowie auf ihrer Facebookseite.

    Die Interviews mit allen 10 Finalisten werden auf der Website des Social Impact Awards, der Facebookseite des Social Impact Awards, sowie auf dem Blog “This Sustainable Life” von Elisa Gramlich veröffentlicht. Die Interviews dienen dem Community-Voting, für welches man auf der Website des Social Impact Awards bis 25. September 2018 abstimmen kann.

  • Interview mit reisebunt.com (SIA-Finalist 2018)

    Jeder reist gerne, doch leider lässt sich ein nachhaltiger Lebensstil nicht mit umweltschädlichen Flügen vereinbaren. Dem Team von reisebunt.com kam da eine kompensierende Idee! Reisebunt agiert als Publisher für Reiseveranstalter und bekommt pro getätigter Buchung eine Kommission wodurch Bäume gepflanzt werden. Gut für die Umwelt und das schlechte Gewissen!

    Wir sprachen mit dem Gründer von Reisebunt, Philipp Lederle, über das Thema Reisen, CO2-Kompensation und die Herausforderungen beim Gründen.

     

    Elisa von This Sustainable Life: Wie würdest du Reisebunt in einem Satz beschreiben?

    Philipp von Reisebunt: Wir reduzieren den CO2-Ausstoß deiner Reisen, die du (bei uns) buchst, durch das (kostenlose) Pflanzen von Bäumen und auf längere Sicht werden wir zu 100% kompensieren.

    Elisa: Wie genau wollt ihr eine hundertprozentige Kompensation erreichen?

    Philipp: Wir arbeiten mit der BOKU zusammen, die uns Daten zur Verfügung stellt wieviel CO2 z.B. durch einen Flug emittiert wird. Das ist gar nicht so leicht, da der CO2-Ausstoß u.a. vom Flugzeugtyp, der Strecke, dem Flughafen usw. abhängt. Gemeinsam mit einem Partner pflanzen wir dann schlussendlich die Bäume in Äthiopien.

    Elisa: Und welche Reisen werden kompensiert bzw. stellt ihr diese Reisen selbst zusammen?

    Philipp: Die Reisen die auf reisebunt.com online sind suchen wir mit unserer Expertise aus den Tiefen des Netzes, um so die Creme de la Creme der besten Reiseangebote anbieten zu können. Für alle Reisen die auf Reisebunt gebucht werden bekommen wir anschließend Provisionen von den jeweiligen Reiseveranstaltern. Der Großteil dieser Einnahmen wird dann für den ökologischen Zweck, also das Bäume pflanzen, eingesetzt.

    Elisa: Zahlt der Konsument für die CO2-Kompensation bzw. sind die Reisen bei euch dann teurer als z.B. auf der Hofer Webseite?

    Philipp: Nein, es entstehen keine Extrakosten für den Konsumenten, das macht Reisebunt auch so einzigartig. Damit wollen wir genau das Problem beheben, dass man zwar bei der Buchung von Flugreisen oft die CO2-Kompensation auswählen kann, aber aufgrund der Mehrkosten es nur sehr wenige Leute tun. Unsere Herangehensweise kommt am Markt sehr gut an. Seit der Gründung freuen wir uns über einen signifikanten Anstieg der Buchungszahlen.

    Elisa: Das klingt wirklich gut! Wie genau seid ihr auf die Idee gekommen?

    Philipp: Da ich ein Vielreisender bin, ist mir die Idee letztes Jahr in Südafrika gekommen. Ich hatte mir leider den Fuß gebrochen und war im Flugzeug zurück nach Österreich. Da ich aufgrund der Schmerzen nicht schlafen konnte, hatte ich viel Zeit während des zwölfstündigen Fluges nachzudenken. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich, obwohl ich versuche nachhaltig zu leben, trotzdem in diesem Jahr bereits 15 Mal geflogen war. Zuhause wieder angekommen wurde an den unterschiedlichsten Ideen gearbeitet und schlussendlich reisebunt.com geboren.

    Elisa: Wie viele CO2-Emissionen verursacht denn eine Reise oder ein Flug?

    Philipp: Weltweit ist laut einer Studie der Tourismus für acht Prozent des Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Ein Flug von Wien nach Berlin (hin & retour) hat einen CO2-Ausstoß von durchschnittlich 260 kg CO2 Ausstoß. Um dieses CO2 zu kompensieren muss ein Baum gepflanzt werden. Ein Langstreckenflug von beispielsweise Wien nach Bangkok verursacht sogar durchschnittlich 4.547 kg CO2-Emissionen. Hierfür bräuchten wir also 9,5 Bäume und runden auf 10 Bäume auf, um den CO2-Ausstoß zu kompensieren.

    Elisa: Wie hat sich euer Team zusammengefunden?

    Philipp: Wir haben zu zweit gestartet und werden ab Oktober das Team auf vier Personen erweitern um vor allem die technische Umsetzung voranzutreiben. Zusammengefunden haben wir uns eigentlich über Events wie z.B. beim Impact Hub Winedown oder bei Veranstaltungen von der Jungen Wirtschaft Wien. Auch über gemeinsame Freunde und durch das zufällige Reden mit Leuten auf den Veranstaltungen haben sich Synergien ergeben. Ich glaube auch an das Gesetz der Anziehung, denn es war erstaunlich leicht ein so tolles Team zu finden.

    Elisa: Warum hattet ihr das Gefühl das Projekt jetzt umsetzen zu müssen und für wen setzt ihr es um?

    Philipp: Wir wollen mehr Menschen anregen über ihren persönlichen CO2-Ausstoß nachzudenken und dann ohne Mehraufwand ihren Urlaub zu kompensieren.

    Elisa: Ist CO2-Kompensation nicht nur ein einfacher Weg das schlechte Gewissen zu bereinigen oder kann es wirklich etwas bewegen?

    Philipp: Ich bin überzeugt davon, dass es etwas bewegen kann, aber nur wenn man es sich bewusst macht und versucht in allen Lebensbereichen anzuwenden. Zum Beispiel indem man energiesparend lebt, Müll vermeidet und nachhaltig einkauft. Das finde ich auch beim Reisen so schön, denn wenn man Reisen anbietet weckt man auch Emotionen und mit Emotionen kann man die Leute für eine Sache gewinnen. Deswegen kann Reisebunt gut die Menschen überzeugen, dass es noch weitere nachhaltigere Alternativen gibt, die man im Leben ausprobieren kann. Die CO2-Kompensation ist dabei ein guter Weg um nicht auf das Reisen verzichten zu müssen, denn das wäre sehr schade. Reisen ist gerade in unserer heutigen Gesellschaft sehr wichtig, da man dadurch neue Kulturen kennenlernt, weltoffener wird und ganz anders denkt wenn man die große Welt sieht. Wir wollen eine Lösung anbieten, damit die Leute trotzdem die Welt sehen können.

    Elisa: Was ist eure größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eures Projektes? Welche persönlichen Eigenschaften helfen euch dabei?

    Philipp: Ich sage lieber Challenge statt Schwierigkeit. Meine größte Herausforderung war den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und herauszufinden wie man startet, was man wann macht usw. Eine Herausforderung dabei war gute Geschäftspartner zu finden (sowohl national als auch international), da es recht schwierig ist wenn man noch klein und unbekannt ist. Es hat aber geholfen, dass ich bereits sechs Jahre im Tourismusbereich gearbeitet habe (u.a. bei der Niederösterreich Werbung und Travelbird) wo ich ein gutes Netzwerk aufbauen konnte.

    Elisa: Seht ihr euch auch in der Verantwortung den Tourismussektor nachhaltiger zu machen?

    Philipp: In der Zukunft wollen wir direkt mit den Hotels kommunizieren und mehr Bewusstsein schaffen. Es gibt hier schon viele gute Beispiele wie das Magdas oder das Boutiquehotel Stadthalle. Wir haben zwar schon mit ein paar Reiseanbietern diesbezüglich gesprochen, werden aber in dieser Phase noch nicht aktiv mit Hotels sprechen, sondern erstmal die Idee stärken und die Plattform zum Wachsen bringen. Ab Herbst 2019 möchten wir jedoch mehr Bewusstsein bei den Hotels schaffen, indem wir auf unserer Plattform auch einfache Maßnahmen aufzeigen, die Hotels umsetzen können um nachhaltiger zu werden. Das Boutiquehotel Stadthalle hat z.B. das Dach begrünt und die Wände mit Efeu bewachsen lassen, wodurch eine natürliche Kühlung im Sommer möglich ist. Dadurch braucht das Hotel keine Klimaanlage und weniger Strom, was wiederum weniger kostet und gut für die Umwelt ist. Ein weiterer Grund warum wir erstmal unsere Plattform aufbauen wollen ist, dass wir dann den Hoteleigentümern zeigen können wie viele Menschen sich für nachhaltiges Leben interessieren und sie durch diesen Anreiz dazu bringen Nachhaltigkeitsmaßnahmen umzusetzen.

     

    Mehr Informationen rund um reisebunt.com findet ihr auf ihrer Homepage, Facebookseite, sowie auf Instagram.

    Die Interviews mit allen 10 Finalisten werden auf der Website des Social Impact Awards, der Facebookseite des Social Impact Awards, sowie auf dem Blog “This Sustainable Life” von Elisa Gramlich veröffentlicht. Die Interviews dienen dem Community-Voting, für welches man auf der Website des Social Impact Awards bis 25. September 2018 abstimmen kann.

  • Interview mit LibertydotHome (SIA-Finalist 2018)

    Obdachlosigkeit ist ein gesellschaftliches Problem, das uns täglich begegnet und dennoch ignoriert wird. Libertydothome möchte erschwinglichen Lebensraum durch Wohnmodule (Tiny Houses) für Obdachlose anbieten und ihnen damit das Zurückfinden in die Gesellschaft ermöglichen.

    Wir sprachen mit Gründer Markus Hörmanseder über die Tiny House Bewegung und was ein menschenwürdiges Leben ausmacht.

     

    Elisa von This Sustainable Life: Wie würdest du Libertydothome in einem Satz beschreiben?

    Markus von Libertydothome: Die neue, innovative Wohnform Tiny Housing kombiniert mit einer Anwendung die großen Social Impact erzeugen wird.

    Elisa: Was war eure Motivation? Warum habt ihr euer Projekt ins Leben gerufen?

    Markus: Der Start war im März 2017 als wir nach einem Thema für unsere Bachelorarbeit im Bauingenieurwesen suchten. Bevor wir für unser Studium nach Wien zogen, kannten wir das Problem der Obdachlosigkeit nicht von unserer ländlichen Heimat. Doch mit dem Umzug vom Land in die Stadt war das Problem der Obdachlosigkeit auf einmal täglich präsent. Auf dem Weg von unserer Wohnung zur FH Campus Wien sind wir an drei verschieden Orten mit Obdachlosen vorbeigekommen. Dass es in der lebenswertesten Stadt der Welt trotzdem tausende Obdachlose gibt fanden wir inakzeptabel.

    Elisa: Wie habt ihr die Idee für euer Projekt bekommen? Was habt ihr in dem Moment gemacht als euch die Idee eingefallen ist? Wo wart ihr?

    Markus: Wir haben gesehen, dass zwar bereits Tiny Houses in Amerika für Obdachlose gebaut wurden, diese jedoch wieder von der Regierung entfert wurden, da sie optisch nicht viel her machten. Im Kontext unseres Bauingenieurstudium wollten wir etwas in unserem Umfeld bauen und mit dem Wechsel in der Stadt war die Kombination auf der Hand die Idee der Tiny Houses aus Amerika in Österreich umzusetzen und damit auch die Obdachlosigkeit zu reduzieren.

    Elisa: Warum hattet ihr das Gefühl das Projekt jetzt umsetzen zu müssen und für wen setzt ihr es um?

    Markus: Für die Obdachlosen. Wir hatten das Gefühl, dass die Situation in Österreich jetzt reif für diese Innovation ist. Eigentlich ist es das Mind-set das hinter der Tiny House Bewegung steckt , dass Materielles nicht mehr so wichtig ist, man minimalistisch lebt und das Bewusstsein hat, dass man aufeinander schaut. Der Zeitgeist passt für uns durch das Minimalismus Momentum daher sehr gut. Wir hatten das Gefühl das Projekt jetzt umzusetzen, da im 21. Jahrhundert Obdachlosigkeit in der zivilisierten Welt nichts mehr verloren hat.

    Elisa: Was braucht ein Mensch zum Leben?

    Markus: Viele Faktoren spielen da rein, ein Faktor ist auf jeden Fall einen privaten Rückzugsort zu haben, denn es geht um die Wahl, ob ich alleine sein möchte oder nicht. Ich kann mich draußen nie richtig abschotten, bin immer verletzbar, habe immer Überlebensangst usw.. Das heißt ich habe keine Wahlmöglichkeit und Entscheidungsfreiheit, daher auch der Name Libertydothome (liberty = Freiheit). Wir möchten die Leute von diesem Überlebensmodus, dieser Suche nach der Erfüllung der eigenen Grundbedürfnisse (z.B. wo schlafe ich heute etc.) befreien. Denn sonst kommt man nie in ein echtes Leben wo man die persönlichen Bedürfnisse erfüllen kann. Man sollte sich nicht ständig Sorgen machen, sondern Zeit für die eigene Selbstentwicklung haben um auch herauszufinden welcher Teil man von der Gesellschaft sein will und welchen Beitrag man leisten möchte. Wenn man von der Überlebensangst befreit ist, wird auch die Eigenmotivation wieder möglich und man wird selbstständiger. Wichtig ist auch, dass man diese Menschen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleitet, daher ist uns wichtig, dass die sozialen Einrichtungen sie weiter betreuen, und ihre Expertise mit einfließen kann.

    Elisa: Glaubst du Menschen werden freiwillig auf so kleinem Raum wohnen wollen?

    Markus: Das ist sehr individuell, in Japan leben die Menschen bereits glücklich in Kapseln. Es ist natürlich immer besser mehr Platz zu haben, aber die Alternative ist, dass man gar nichts hat und auf der Straße wohnt. In unseren Tiny Houses lebt man zwar auf kompaktem Raum, aber das dafür sehr wohnlich und der tiefste Punkt wo man in unserer Gesellschaft landen kann, soll nicht die Straße sein, sondern soll ein (kleines) Zuhause sein. Selbst wenn klein ist, sind zwischen wenig Platz und gar kein Platz Welten dazwischen.

    key features

    Elisa: Würdest du gern selbst in einem Tiny House leben und wie würde es aussehen?

    Markus: Ja, ich würde gerne temporär in einem Tiny House leben. Das neue Bewusstsein spricht mich sehr an, dass man mobil und flexibel ist. Mein Traum ist es flexibel zu sein und die Welt zu bereisen.

    Elisa: Was ist eure größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eures Projektes? Welche persönlichen Eigenschaften helfen euch dabei?

    Markus: Die größte Herausforderung ist, dass es ein neues Feld für uns ist und man sich die entsprechenden Kompetenzen erst aneignen muss. Was da hilft ist ein hoher Einsatz für das Projekt. Wir committen uns wirklich zu dieser Idee, zu diesem Projekt, zu diesem Grundgedanken, dass ein gerechteres Maß an Lebensqualität zum Standard werden soll. Dadurch kommt auch automatisch unsere starke Motivation und das Projekt ist auch persönlich sehr bereichernd. Um einen großen sozialen Impact zu erzeugen, helfen uns auch passende Vorträge wie TedX Talks auf YouTube, der Austausch mit sozialen Einrichtungen und Experten soviel viel zu lesen. Derzeit machen wir auch ein Pilotprojekt mit Red Bull und haben dann ein proof of concept Projekt mit dem wir dann später zu den sozialen Einrichtungen gehen.

    Elisa: Wie ist euer Geschäftsmodell?

    Markus: Für jedes 7. verkaufte Modul, welches an Unternehmen, Privatpersonen oder für touristische Anwendungen verkauft wird, geben wir ein kostenfreies Modul dem Sozialsystem. Es wird daher Kooperationen zwischen Libertydothome und sozialen Trägern geben. Die Häuser sind auf Leihbasis und Libertydothome liefert den Wohnraum. So möchten wir es etablieren.

    Elisa: Wie stellt ihr sicher, dass die Obdachlosen gerne in eure Tiny Houses einziehen?

    Markus: Wir haben eine eigene Peermanagerin, Hedi, die selbst früher obdachlos war und nun für unser Facility Management verantwortlich ist und darauf schaut, dass in den Wohnmodulen alles vorhanden ist. Wir haben im Sommer unseren 1. Prototyp gebaut und hatten dann eine Arbeitsgruppe mit Sozialarbeitern und Obdachlosen mit denen wir den Innenraum gemeinsam konzipiert haben, hier haben wir auch Hedi kennengelernt. Sie ist seit mittlerweile 3 Jahren obdachlos und wird nun durch und mit LibertydotHome Ihren Weg zurück antreten.

    Elisa: Wie hat sich euer Team zusammengefunden?

    Markus: Wir kennen uns schon seit der Schulzeit und haben uns in der HTL durch Parties etc. näher kennengelernt und sind gute Freunde geworden. Nach der Matura wurde Philipp Sanitäter und ich ging zum Militär. Dann haben wir in verschiedenen Bereichen gearbeitet und uns später zufällig beim gleichen Unternehmen in derselben Abteilung wiedergetroffen. Nachdem wir 4 Jahre gearbeitet haben, haben wir dann beschlossen Bauingenieurwesen zu studieren.

    Elisa: Erzählt uns eine lustige Anekdote aus eurem Projektleben.

    Markus: Lustigerweise war der Start von unserem Projekt genau an meinem Geburtstag und die Finalisierung des Prototypen wird im September an Philipps Geburtstag sein.

    Elisa: Gab es auch schon eine peinliche Situation oder einen besonders tollen Moment (abgesehen von dem SIA Finalist Announcement ) von dem ihr uns berichten möchtet?

    Markus: Mir ist relativ viel peinlich, da ich eher introvertiert bin, aber was mir wirklich getaugt hat war die erste Umsetzung des Projekts(Bau Prototyp 1), da es davor nur eine Idee war und es dann wirklich mit der Unterstützung vieler Leute umgesetzt wurde. Wir haben unglaublich viel Unterstützung von Leuten erhalten hatten, die nicht wussten, ob es am Ende etwas bringt und uns viel Vertrauen entgegengebracht haben.

     

    Mehr Informationen rund um LibertydotHome findet ihr auf ihrer Homepage, Facebookseite, sowie auf Instagram.

     

    Die Interviews mit allen 10 Finalisten werden auf der Website des Social Impact Awards, der Facebookseite des Social Impact Awards, sowie auf dem Blog “This Sustainable Life” von Elisa Gramlich veröffentlicht. Die Interviews dienen dem Community-Voting, für welches man auf der Website des Social Impact Awards bis 25. September 2018 abstimmen kann.

  • Interview mit Semina Project (SIA-Finalist 2018)

    Semina Project kurz SePro verbindet gleich mehrere Ziele in einem! Durch schadstofferzeugende Kohleöfen werden täglich Menschen beim Kochen in Entwicklungsländern tödlichen Luftverschmutzungen ausgesetzt. Jedes Jahr sterben laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 3.8 Millionen Menschen an der häuslichen Luftverschmutzung. Mit der Herstellung von Holzöfen mit geringerer Schadstoffbelastung leistet SePro einen Beitrag zur Schonung der Gesundheit und Umwelt und schafft auch technische Ausbildungsmöglichkeiten mit anschließender Beschäftigung.

    Wir sprachen mit SIA-Finalist Michael Keinrath, welcher gemeinsam mit Simon Brockmeier und Christian Weindl SePro gründete um Leben zu retten.

    Elisa von This Sustainable Life: Wie würdest du SePro in einem Satz beschreiben?

    Michael von SePro: Wir bauen kleine Werkstätten in denen effiziente und schadstoffarme Holzsparöfen produziert werden, die jeder selber bauen kann.

    ElisaWie habt ihr die Idee für euer Projekt bekommen? Was habt ihr in dem Moment gemacht als euch die Idee eingefallen ist? Wo wart ihr?

    Michael: Ich war selbst schon für einige Entwicklungszusammenarbeitsprojekte in Tansania unterwegs und war schockiert wie die Menschen dort kochen und wie viel Rauch dadurch in ihren Häusern ist. Als ich für ein Waisenhaus-Projekt dort war sah es auf den ersten Blick so aus als würden die Häuser im Hintergrund brennen, wegen dem ganzen Rauch. Dabei haben die Dorfbewohner zur Begrüßung für uns gekocht und wir haben über den vielen Rauch geredet. Um ihnen den Wunsch nach rauchfreien Küchen zu ermöglichen haben wir in zusammenarbeit einen Holzsparofen entwickelt, der auf die Bedürfnisse und Vorlieben der Community angepasst ist.

    Elisa: Warum hattet ihr das Gefühl das Projekt jetzt umsetzen zu müssen und für wen setzt ihr es um?

    Michael: 18.900 Menschen sterben jedes Jahr in Tansania wegen der häuslichen Luftverschmutzung verursacht durch die offenen Feuerstellen. Des Weiteren wird 80% des entnommenen Holz verbrannt. Unsere Zielgruppe sind die drei Milliarden Menschen, die auf offenem Feuer kochen und unter der absoluten Armutsgrenze leben. Wir möchten jedem Menschen ermöglichen sich einen schadstoffarmen Holzofen leisten zu können. Durch den Einsatz unserer Öfen kann eine tansanische Familie über eine Tonne Holz pro Jahr sparen, den Schadstoffausstoß um 70% reduzieren, 120km Fußweg pro Monat für das Holzsammeln sparen, sicher Kochen und 1,8t CO2 pro Jahr einsparen.

    Elisa: Wie stellt ihr sicher, dass die Öfen leistbar sind?

    Michael: Unsere Holzöfen sind in zwei Modulen aufgebaut, einfach und lokal herstellbar. Die Öfen werden vor Ort aus lokalen Ressourcen produziert und sind dadurch sehr günstig in der Herstellung. Dadurch kann sich die lokale Bevölkerung ohne Mikrokredite die Holzöfen leisten und die Mitarbeiter werden fair bezahlt. Die Herstellungskosten betragen momentan 16 Dollar vor Ort. Der Vorteil ist auch, dass jeder den Ofen selber bauen kann, man braucht dazu nur Lehm oder Blech, einen Hammer und Meisel. Im besten Fall hat man aber eine Micro-Facility in der Nähe stehen, wo man den Ofen einfach mit selbstgebauten Maschinen herstellt.

    Ofen von SePro

    Elisa: Wie genau sind eure Öfen konzipiert und glaubt ihr, dass sie von den Menschen vor Ort genutzt werden?

    Michael: Wir haben zusammen mit der lokalen Dorfgemeinschaft den Ofen entwickelt und in Rücksprache immer wieder auf die Benutzer angepasst. Zurzeit testen wir die Öfen in Österreich um diese laufend zu verbessern. Vor Ort werden wir dann die Öfen erst ab Dezember testen, wann wir nach Tansania reisen und die ersten Prototypen bauen. Diese ersten Holzsparöfen werden ein halbes Jahr verwendet werden und wo die lokale Bevölkerung unseren gemeinsam entwickelten Ofen auf Herz und Nieren testet. Vorab haben wir die Bevölkerung bereits gefragt was ihnen wichtig ist, nämlich, dass es vor allem benutzer-, brennstofffreundlich ,effizient, schadstoffarm und sicher in den Küchen ist. Unser Modell vereint alle diese gewünschten Eigenschaften in einem kompakten Ofen.

    Elisa: 1,8t CO2 pro Jahr sind ja ganz schön viel, würde sich euer Projekt nicht als CO2-Kompensationsprojekt beim anderen SIA-Finalisten Reisebunt anbieten?

    Michael: *lacht* Ja, unser Projekt passt wirklich sehr gut mit Reisebunt zusammen, denn wir sparen das CO2 ein, das Philipp (Gründer von Reisebunt) kompensieren will.
    Es ist jedoch nicht ganz so leicht, da es unter dem Clean Development Mechanism verschiedene Standards gibt nach denen man ein CO2-Zertifikat erstellen darf. Sozialprojekte haben hier auch eine eigene Zertifizierung. Die BOKU hat einen geeigneten Standard, welcher ähnlich wie der Gold Standard ist und ebenfalls für Klimaschutzprojekte, die auch eine soziale Komponente haben, gilt, nur mit dem Unterschied, dass er deutlich günstiger als der Gold Standard ist. Mit SePro fokussieren wir uns auf zehn Sustainable Development Goals (SDGs). Es wäre großartig wenn wir unsere Projekte in Tansania durch die CO2-Kompensation finanzieren könnten. Also ein Partner wie Reisebunt wäre auf jeden Fall super.

    Elisa: Wie hat sich euer Team zusammengefunden und woher habt ihr die nötigen Kompetenzen um SePro umzusetzen?

    Michael: Wir Drei haben uns über Ingenieure ohne Grenzen Austria gefunden, dort bekommen wir auch viel Unterstützung von unserer Regionalgruppe. Zum Beispiel haben wir eine Einschulung ins Projektmanagement erhalten und sind auch so auf den SIA aufmerksam geworden. Durch den wir viele hilfreiche Kontakte wie z.B. zur ADA (Austrian Development Agency) bekommen haben. Natürlich ist es auch hilfreich, dass wir Maschinenbau und industrielle Energietechnik sowie Industrielogistik studieren und dadurch die Holzsparöfen technisch konzipieren können. Christian ist auch Schlossermeister und bildet für uns die Trainer aus.

    Elisa: Wie ist euer Geschäftsmodell und was ist eure Vision?

    Michael: Wir möchten soziale und ökologische Nachhaltigkeit forcieren. Daher verkaufen wir keine Holzsparöfen, sondern bilden Communities aus, damit sie diese selbst herstellen können. Mit der CO2-Kompensation möchten wir die Communities mit weiteren Ausbildungsmodulen unterstützen. Auch in den Schulen bilden wir Jugendliche aus wie man nachhaltig mit Ressourcen umgeht (dass mehr Bäume nachgepflanzt als abgeholzt werden) und bringen ihnen die Fähigkeiten bei, die sie brauchen um eine Anstellung in den Werkstätten zu finden oder Öfen selbst herstellen können. Unsere Vision ist, dass in Zukunft nicht nur Holzsparöfen produziert werden, sondern auch PV-Anlagen und Module für die Wasseraufbereitung gebaut werden.

    Was das Geschäftsmodell angeht bereiten wir uns auf verschiedene Szenarien vor, entweder kooperieren wir mit einer NGO (Joint Venture mit SePro), die die Öfen verkauft und die Ausbildung ermöglicht. Oder, wenn wir keine NGO finden, ist die Community gefragt, die die Verantwortung für die Werkstatt übernimmt und selbst die Öfen baut und verkauft. Das dritte Szenario ist, dass lokale Werkstätten, die es bereits in den Dörfern gibt und die ein neues Produkt verkaufen wollen, die Öfen von SePro mit Hilfe eines Technikers bauen und verkaufen. Momentan finanzieren wir uns über Spenden, möchten uns jedoch später durch die CO2-Kompensation finanzieren.

    Elisa: Was ist eure größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eures Projektes? Welche persönlichen Eigenschaften helfen euch dabei?

    Michael: Am schwierigsten ist sicher, dass wir so viele interdisziplinären Themen in einem Projekt vereinen. Zum Glück sind wir neugierig und begeistern uns mit Themen aus Bereichen die nichts, wirklich gar nichts mit unserem Studium zu tun haben . Eine große Hilfestellung ist auch Ingenieure ohne Grenzen Austria, wo uns Experten aus verschiedenen Bereichen unterstützen.

    Elisa: Was würdest du potentiellen Gründern empfehlen?

    Michael: Einfach aktiv werden. Vor 3 Jahren gab es eine Infoveranstaltung von Ingenieure ohne Grenzen Austria gegangen, dabei wurde über interessante Möglichkeiten diskutiert ein nachhaltiges Abwasserkonzept für eine Schule zu entwickeln und dieses auch vor Ort in Tansania aufzubauen. Dann habe ich mich voll reingehängt und war wenig später bei dem Projekt in Tansania. Mir ist es wichtig, dass ich die Theorie die ich im Studium lerne, auch praktisch anwenden kann. Wenn man aktiv werden will, also wirklich aktiv, dann sollte man keine Ausreden suchen, sondern einfach die Chance ergreifen, sich ein Team finden und loslegen.

    Jeder kann bei SePro und Ingenieure ohne Grenzen mithelfen die Projekte zu realisieren: https://www.iog-austria.at/iog_project/sepro/
    Mehr Informationen rund um SePro findet ihr auf ihrer Facebookseite.
     
    Die Interviews mit allen 10 Finalisten werden auf der Website des Social Impact Awards, der Facebookseite des Social Impact Awards, sowie auf dem Blog “This Sustainable Life” von Elisa Gramlich veröffentlicht. Die Interviews dienen dem Community-Voting, für welches man auf der Website des Social Impact Awards bis 25. September 2018 abstimmen kann.