• Interview mit Lingvano (SIA-Finalist 2018)

    Laut Google zählen zu den exotischen Sprachen Azeri, Bambara, Dari, Esan, Fante, Kabardinisch, Tigrinya und Zaza. Uns fällt noch eine ein – die österreichische Gebärdensprache! Weitaus bekannter als die zuvor genannten Beispiele beherrscht sie aber trotzdem nur ein Bruchteil der Bevölkerung, was ein Problem für viele gehörlose Menschen darstellt und zu ihrer gesellschaftlichen Isolation führt. Durch Lingvano wird das kostengünstige und flexible Erlernen der Gebärdensprache für alle möglich, was das Leben der Gehörlosen verbessern und vereinfachen soll.

    Wir haben mit Nicolas Molcik, Mitgründer von Lingvano, über sein Startup, die faszinierende Welt der Gebärden und Situationen gesprochen, mit denen viele gehörlose Menschen und ihre Angehörigen konfrontiert werden.

     

    SIA: Was war eure Motivation? Warum habt ihr euer Projekt ins Leben gerufen?

    Lingvano: Wir drei von Lingvano haben individuelle Erfahrungen mit Kommunikationsbarrieren zwischen Gehörlosen und Hörenden gemacht: Atilla, als von Geburt an Gehörloser, beinahe täglich. Matthias und ich insbesondere in unserer Zeit als Zivildiener. Mit unserem Social Business Lingvano haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Welt der Hörenden und Gehörlosen besser zu verbinden und Barrieren abzubauen. Dafür ist es notwendig, allen Interessierten eine einfache Möglichkeit zu bieten, die österreichische Gebärdensprache zu lernen. Dies ermöglichen wir mit einer spannenden und kostengünstigen Gebärdensprach E-Learning-Plattform.

    SIA: Warum hattet ihr das Gefühl das Projekt jetzt umsetzen zu müssen und für wen setzt ihr es um?

    Lingvano: Im Zuge vieler Gespräche mit Gebärdensprachlehrern und an der Gebärdensprache Interessierten hat sich die Nachfrage an einer E-Learning-Plattform überwältigend bestätigt. Wir haben von den verschiedensten Geschichten gehört, weswegen Menschen die Gebärdensprache erlernen wollen.

    Naheliegend ist, dass insbesondere Personen mit gehörlosen oder schwer gehörbeeinträchtigten Familienmitgliedern am Erlernen der Gebärdensprache interessiert sind. Leider ist es aber so, dass oftmals selbst engste Familienmitglieder die Gebärdensprache nicht sprechen bzw. lernen. Die häufigsten Gründe hierfür stellen fehlendes Geld oder zeitliche Inflexibilität dar. Die Auswirkungen für das gehörlose Familienmitglied sind Kommunikationsbarrieren in der eigenen Familie und soziale Ausgrenzung.

    Ebenso haben wir von Menschen gehört, die in ihrer Jugend sukzessive an Hörvermögen verloren haben und somit in kurzer Zeit die Gebärdensprache lernen mussten. Der früher große Freundeskreis wurde durch die Kommunikationsbarrieren auf nur jene wenige Freunde reduziert, welche ebenso die Gebärdensprache erlernten. Das Interesse die österreichische Gebärdensprache zu lernen war zwar bei allen Freunden vorhanden, aber die zwei größten Barrieren, Zeit und Geld, stellten auch für sie Hürden da.

    Diese zwei kurzen Beispiele sind selbstverständlich nur ein Bruchteil der Gründe, weswegen Menschen die Gebärdensprache lernen wollen. Oftmals ist das Interesse auch gar nicht mit einem Schicksal oder Ähnlichem verbunden, sondern einfach die Faszination an dieser einzigartigen Sprache selbst. Und jeder einzelne dieser vielen verschiedenen Gründe motiviert uns umso mehr, das Projekt Lingvano voranzutreiben und es hörenden Menschen so einfach wie möglich zu machen, in die spannende Welt der Gebärden einzutauchen.

    Genauso soll Lingvano aber auch die gehörlosen Menschen unterstützen, denn es soll ihnen ermöglichen, mit anderen einfacher in Kontakt treten und auch kommunizieren zu können. Es soll sie mehr in die Gesellschaft einbinden.

    SIA: Als Beispiel nennst du ja auch, dass es nicht selten ist, dass Menschen im Laufe ihres Lebens ihr Gehör verlieren und aus diesem Grund die Gebärdensprache erlernen müssen. Bietet den Betroffenen der Arzt an, die Sprache zu erlernen oder an wen wenden sie sich in diesem Fall? Wie sieht es mit den Angehörigen und Freunden aus?

    Lingvano: Es gibt diverse Schulen und Einrichtungen, die die Gebärdensprache unterrichten oder auch Lehrer ausbilden (zum Beispiel Equalizent). Es gibt Vereine und die Volkshochschule, die Kurse anbieten. Angehörige und Freunde haben oft weniger Zeit und Motivation, die Sprache zu erlernen. In diesem Fall ist ein Onlinekurs als Ergänzung oder als Einstieg eine gute Möglichkeit, um zumindest einfache Unterhaltungen führen zu können. Auf unserer Plattform lernt man nicht nur die Gebärdensprache, sondern auch den Umgang mit gehörlosen Menschen und erfährt, welche Fragen Hörende an die Gehörlosenwelt haben. Beispiele sind etwa: „Wie träumen Gehörlose? Haben sie eine innere Stimme oder ist es eine Person in der dritten Person die gebärdet?“ „Dürfen Gehörlose Auto fahren?“ „Wie funktioniert die Klingel der Gehörlosen?“ etc.

    SIA: Spannende Fragen! Das heißt, wenn ich einen Kurs bei euch mache, kann ich mich mit einer gehörlosen Person auf der Straße unterhalten?

    Lingvano: Ja, also die Alltagsgebärden lernt man definitiv. Angeregte Diskussionen kann man dann natürlich noch nicht führen. Wir bauen unser Angebot aber weiter aus, die Grundkommunikation kann man derzeit schon erlernen.

    SIA: Wie habt ihr die Idee für euer Projekt bekommen? Was habt ihr in dem Moment gemacht als euch die Idee eingefallen ist? Wo wart ihr? Wie hat sich euer Team zusammengefunden?

    Lingvano: Die Idee selbst ist an zwei voneinander unabhängigen Orten entstanden. Matthias und ich haben uns nebenberuflich im Studium kennengelernt und das gemeinsame Interesse an der österreichischen Gebärdensprache entdeckt. Nach vergeblicher Suche hinsichtlich ausführlicher Online-Lernmöglichkeiten haben wir uns dazu entschlossen, unsere Fähigkeiten und Ressourcen zu bündeln und eine Gebärdensprach E-Learning-Plattform ins Leben zu rufen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens fehlte allerdings noch ein letztes Puzzleteil: Atilla. Er unterrichtet seit langem die österreichische Gebärdensprache. Viele Male haben seine Schüler das Interesse geäußert, auch jenseits des Unterrichts Gebärden lernen und festigen zu können. Herkömmliche Lehrbücher sowie uneinheitliche Online-Lernmaterialien waren dafür nicht ausreichend. Deshalb hat Atilla begonnen, an der Idee einer E-Learning-Plattform zu arbeiten. Per Social Media suchte er dafür nach Interessierten und hat damit ebenso die Aufmerksamkeit von Matthias und mir auf sich gezogen. Nach einem kurzen Schriftverkehr fand schließlich das erste gemeinsame Meeting statt und die zwei kleinen, voneinander unabhängigen Wege verschmolzen zu einem Großen. Die für unser gemeinsames Vorhaben notwendigen Fähigkeiten waren somit gebündelt und das Puzzle komplett.

    SIA: Du sagst, dass du zur Zeit deines Zivildienstes erstmals mit gehörlosen Menschen in Kontakt gekommen bist. Woran könnte es liegen, dass die Gebärdensprache in den meisten Schulen nicht einmal als unverbindliche Übung (so wie andere Sprachen) angeboten wird und dementsprechend wenige Menschen auf den Nutzen der Sprache aufmerksam werden?

    Lingvano: Ich denke, dass es einfach daran liegt, dass die Gebärdensprache noch nicht so etabliert ist. Oft wird es nicht als Alternative gesehen, da es umfassende Lernangebote für die Gebärdensprache erst seit Kurzem gibt. Die österreichische Gebärdensprache ist beispielsweise erst 2005 im Bundesverfassungsgesetz anerkannt worden.

    SIA: Es gibt weltweit unterschiedliche Gebärdensprachen. Unterscheiden sich diese stark? Wenn ich die österreichische Gebärdensprache kann, kann ich mich mit Menschen unterhalten, die die deutsche oder die japanische Gebärdensprache beherrschen?

    Lingvano: Das ist eine schwierige Frage, weil ich in diesem Bereich selbst noch nicht den hundertprozentigen Durchblick habe. Es ist schon so, dass es selbstständige Sprachen sind. Da etliche Aspekte oftmals sehr ähnlich sind (z.B. Mundbild, elementare Gebärden, etc.) können sich Deutsche und Österreicher bis zu einem gewissen Grad verstehen. Ob es beispielsweise mit der japanischen und österreichischen Gebärdensprache ähnlich ist, weiß ich nicht. Lustigerweise gibt es aber auch in der österreichischen Gebärdensprache unterschiedliche Dialekte. Im Endeffekt ist es eine ganz normale Sprachentwicklung, wobei viele irrtümlicherweise denken, dass es nur eine internationale Gebärdensprache gibt.

    SIA: Was ist eure größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eures Projektes? Welche persönlichen Eigenschaften helfen euch dabei?

    Lingvano: Wie es nun mal so ist, sind bis zur Umsetzung einer Unternehmung kleine, manchmal auch größere Steine aus dem Weg zu räumen. Lingvano ist hierbei keine Ausnahme. Dank unserer Zielstrebigkeit und gutem Teamwork konnten wir allerdings gemeinsam den Weg räumen und unser Projekt realisieren. Eine kleine sowie spannende Herausforderung stellt die Kommunikation selbst dar. Matthias und ich können nur einfache Gebärden. Auch wenn der Wortschatz bei jedem Meeting wächst, verwenden wir oftmals unsere Smartphones oder Laptops um kurze Texte untereinander zu schreiben. Dieser Mix aus ein paar Gebärden und kurzen Textnachrichten funktioniert erstaunlicher Weise ziemlich gut. Die Praxis zeigt uns somit, dass entgegen vieler Meinungen die Zusammenarbeit zwischen Gehörlosen und Hörenden sehr wohl funktionieren kann! Man muss nur etwas kreativ sein und einen für sich passenden Weg finden.

    SIA: Erzählt uns eine lustige Anekdote aus eurem Projektleben.

    Lingvano: Da Matthias und ich noch Anfänger im Sprechen der österreichischen Gebärdensprache sind, ergeben sich hin und wieder kleine „Versprecher. Dadurch ergibt manches keinen Sinn oder kann sogar etwas ganz anderes bedeuten. Lustige Situationen sind da natürlich vorprogrammiert Ein kleines und recht aktuelles Beispiel wäre in etwa: „Ich fahre mit der U-Bahn“ wurde zu „Ich bin auf der Flucht“.

    SIA: Gab es auch schon eine peinliche Situation oder einen besonders tollen Moment (abgesehen von dem SIA Finalist Announcement ) von dem ihr uns berichten möchtet?

    Lingvano: Einen peinlichen Moment gab es eigentlich noch nicht. Tolle Momente hatten wir allerdings schon zahlreiche – zum Glück! Einer dieser vielen tollen Momente war jener, an dem wir drei unser erstes gemeinsames Meeting hatten und realisierten, dass wir endlich alle notwendigen Puzzlestücke für Lingvano gefunden haben. Dies war nach einigen Rückschlägen im Projekt ein besonders tolles Gefühl und hat uns Dreien bestätigt, dass Aufgeben nie eine Option ist.

     

    Mehr Informationen rund um Lingvano findet ihr auf ihrer Homepage, sowie auf ihrer Facebookseite.

     

    Die Interviews mit allen 10 Finalisten werden auf der Website des Social Impact Awards, der Facebookseite des Social Impact Awards, sowie auf dem Blog “This Sustainable Life” von Elisa Gramlich veröffentlicht. Die Interviews dienen dem Community-Voting, für welches man auf der Website des Social Impact Awards bis 25. September 2018 abstimmen kann.